Fusion x64 TIFF File

Faszination Luxusuhr

Sie besteht eigentlich nur aus etwas Stahl, Zinn, Messing, Neusilber, wiegt keine 275 Gramm – und kostet doch unglaubliche 1,92 Mio. Euro. Die Grand Complication aus der deutschen Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne. Zu Beginn des Jahres auf der internationalen Uhrenmesse in Genf einem faszinierten Fachpublikum vorgestellt.

Ein dermaßen hochpreisiges Konsumgut wirft natürlich die Fragen auf, ob es erstens wirklich Menschen gibt, die bereit sind, ein mittleres Vermögen nur für eine mechanische Uhr auszugeben – und dies zweitens warum? Um die erste Frage vorweg zu beantworten: Ja, es gibt diese Menschen. Sogar weit mehr als jene sechs, die das Haus Lange mit der limitierten Stückzahl von lediglich sechs produzierten Exemplaren beglücken wird. Bleibt also die Frage nach dem Warum?

Zugegeben: Dieser Zeitmesser ist in mechanischer Hinsicht tatsächlich eine komplizierte Besonderheit der Extraklasse. Ein Meisterwerk von 876 Uhrwerkskomponenten. So gibt ein Schlagwerk seinem Träger die Zeit hörbar entweder automatisch oder auf Wunsch in feinsten Tönen an. Die Grand Complication enthält auch einen sogenannten Ewigen Kalender, der über einen bis zum Jahr 2100 getakteten Algorithmus Datum, Tag, Monat, Mondstand und sogar das Schaltjahr anzeigt. Der technisch sehr anspruchsvolle Doppel-Chronograph – unter Sammlern Rattrapante genannt - ermöglicht nicht nur das Messen von ganzen Zeitintervallen, sondern sogar von Zwischenzeiten. Selbstverständlich verrät einem die Grand Complication dann auch noch die normale Stunde, Minute und Sekunde.

Aber wer benötigt all diese Funktionen, die für Personen ab 40 Jahren sowieso nur schwer auf dem Zifferblatt ablesbar sein dürften? Wer die Zeit wissen möchte, schaut heute auf sein Handy, den PC-Bildschirm, auf das Armaturenbrett seines PKWs. Und wer dann wirklich die genaue Zeit zu erfahren sucht, ersteht für 15 Euro eine Quarzuhr, die um einen Faktor 60 präziser „tickt“ als jede mechanische Uhr.

Käufer einer Lange Grand Complication geht es kaum um die eigentliche Anzeige von Zeit im herkömmlichen Sinne. Was motiviert sie also zum Erwerb einer Uhr im Gegenwert einer stattlichen Villa? Solche Zeitmesser werden gekauft, weil sie in handwerklicher Vollendung alte Traditionen repräsentieren. Die Mechanik steht in einer zunehmend digitalen Welt für eine frühere, als wertvoll empfundene Welt. Die Genialität von Konstrukteuren, fähig zur Entwicklung außergewöhnlich technischer Kleinode, begeistert. So auch unter Umständen die Geschichte einer Manufaktur und ihres Standortes – in diesem Fall jene des deutschen Uhrenmekkas Glashütte. Es gefällt ein klassisches Design oder einfach die Story, die eine spannende Marke wie A. Lange & Söhne zu erzählen weiß. Und vor allem geht es um Status. Das Eigentum an einem Objekt wie einer in exklusivsten Stückzahlen hergestellten, radikal teuren Uhr ermöglicht die Abgrenzung gegenüber gesellschaftlichen Klassen nach unten und das Gefühl von Zugehörigkeit zu jenen ganz oben. Denn eine Uhr wie die Grand Complication ist ein Luxusgut, es differenziert respektive diskriminiert sozial. Kennzeichen von Luxusgütern ist nicht nur, dass sie einen produktspezifischen Weltrekord anbieten – so zum Beispiel eben extrem komplizierte Mechanik –, sondern darüber hinaus sozialen Status für eine Person, die sich über ein Symbol als vermögend, gebildet, kultiviert, erfolgreich, schön und vieles andere mehr darstellen möchte. Konsumverhalten ist ein Ausdruck von Identität. Durch Konsum werden persönliche Werte bestätigt, die der eigenen Persönlichkeit Sicherheit in einer komplexen Welt schenken. Dies gilt für Parfum im Verkaufspreis unter 100 Euro wie für eine Uhr von mehr als einer Million Euro gleichermaßen.

Ob Luxuskonsum im Besondern vernünftig und ethisch zu rechtfertigen ist, berührt nachgelagerte Fragen. Wie jene, ob es sinnvoll ist, für einige auf Leinwand gepinselte blau-weiß-gelbe Quadrate eines niederländischen Künstlers wie Piet Mondrian Millionen Euro zu bezahlen. Das Phänomen Luxuskonsum erklärt sich zunächst über die wesentliche Frage: Warum Menschen sehr viel Geld für Uhren, Kunst, Yachten, Automobile ausgeben? Die faszinierende Antwort darauf ist so einfach wie kompliziert: Weil es sie in ihrer Identität glücklich und zufrieden machen soll - und sehr häufig auch macht.

Gastbeitrag unseres Autors: Dr. Frank Müller - Inhaber der Beratungsgesellschaft The Bridge To Luxury

Bildrechte: A. Lange & Söhne Glashütte

Posted in Insides, Luxus, Manufakturen, Marken and tagged , , , , , .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *